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Coaching zur erfolgreichen Neupositionierung
"Ich hab jetzt
erst gemerkt, was mir immer gefehlt hat"
Coaching mit
wissenschaftlichen Führungskräften
- von Max Dorando
Kap. III
Wie wir im Coaching gearbeitet haben
Was passiert da eigentlich - und wie kommt es zu den Wirkungen, die auch
andere beobachten können? Es ist unser Anliegen, die Coachingprozesse für
Leserinnen anschaulich zu machen. Leider können wir hier nicht das komplexe
Geschehen im Coaching vollständig rekonstruieren - das wäre eine ganz andere
Veröffentlichung. Wir können jedoch einige ausgewählte Aspekte, quasi
Kurzsequenzen von Coaching darstellen, und wir können über ausführlichere
Fallstudien den Charakter von Coaching fassbarer und nachvollziehbarer
machen.
1. typische Anliegen und beraterische Interventionen
Das Schreiben fällt mir schwer.
Schreibschwierigkeiten waren ein häufiges Thema - in unterschiedlichen
Varianten: zuwenig Zeit fürs Schreiben, verbunden mit zu wenig Zeit für das
Forschen, bis hin "Ich verliere mich im Schreiben und nehme mir zuviel
Zeit". Zu unterscheiden sind auch Veröffentlichungen, die als Verpflichtung
gesehen werden und solche, die der eigenen Entscheidung und dem eigenen
Wollen unterliegen.
Zu diesen Themen gibt es einmal einen rein pragmatischen Zugang: Wie viele
Veröffentlichungen sollen es sein in nächsten Jahr oder nur in den nächsten
6 Monaten? Welches sind die angestrebten Abgabetermine? Wie hoch ist das
Zeitbudget, einzelnen oder insgesamt? Welches sind, aus den eignen
Erfahrungen heraus, die optimalen Bedingungen für Schreiben? Was muss getan
werden, diese Bedingungen zu schaffen? Wie gelingt es planerisch und
organisatorische, dieser Schreibarbeit die angemessene Priorität
einzuräumen? Angesprochen werden dabei möglicherweise so unrealistische
Versuche wie, ein oder zwei Stunden in ausgefüllte Woche- oder Tagespläne zu
quetschen.
Im Coaching verabredete Pläne bzw. Vereinbarungen müssen verschriftlicht
werden, der Coach bietet sich als Kontrollinstanz an.
Die pragmatische Version kann jedoch ins Leere laufen, wenn mit diesem Thema
grundsätzlichere Fragestellungen verbunden sind:
§ Zweifel über den Sinn des Schreibens an sich
§ eigene defizitär geprägt Selbstbilder
§ Angst vor der öffentlichen Kontrolle durch die scientific community
§ wenn nicht mehr genügend persönliches Engagement für das Schreiben
vorhanden ist
§ wenn sich Fragen der Lebensgestaltung damit verbinden
§ wenn das Schreibthema eigentlich nur ein Symptom für dahinterliegende
Frage ist
In solchen Situationen wird es im Coaching sehr persönlich und intensiv, und
die Bearbeitung dieses Themas hat Auswirkungen auf eine Reihe anderer
beruflicher Zusammenhänge.
Die geliebte und ungeliebte Selbstverwaltung..
Fragen der Selbstverwaltung berühren einen Kern des universitären
Selbstverständnisses. Im Coaching zeigt sich häufig, dass die Rollen wie
Geschäftsführung, Direktion, Institutsleitung etc. nicht als
Führungspositionen gesehen, sondern als Teil des Verwaltungsapparates, der
aufrecht erhalten werden muss. Man muss die Rolle, das ungeliebte Kind,
turnusmäßig übernehmen - es nicht zu tun, wäre unkollegial oder man macht
sich einen schlechten Namen.
Im Coaching kann Thema sein
§ ob und in welcher Form die Wissenschaftlerin diese Position übernehmen
will und kann
§ wie er sie strategisch und taktisch ausfüllt
§ Netzwerke und formelle wie informelle Strukturen müssen geprüft werden
§ Kommunikationsstrategien sind gefragt
§ eigene Zielvorstellungen müssen angeguckt und geklärt werden
§ Rollenübernahme und Rollenklarheit werden zu Thema, insbesondere die Frage
des Führungscharakters dieser Rolle
Die ist oft ein schwieriges und dorniges Feld, da die Erwartungen der
anderen Kollegen uneinheitlich bis ambivalent sind, die Aufgaben komplex und
die universitär verankerten Rituale von Diskussion und Entscheidungsfindung
schwer zu variieren erscheinen. Oft überschreiten diese Fragen auch die
Möglichkeiten des Einzelcoachings- sie müssten sinnvollerweise mit allen
Beteiligten geklärt werden.
Neuer Job, neue Lebensschwerpunkt.
Ein Klassiker: Ich habe einen neuen Job als Professor, ich habe eine neue
Wohnung - und meine Familie bzw. meine Frau, wie lange hab ich die noch?
Wir kennen als Coach die sogenannten "Fünf Säulen der Identität": Arbeit,
materielle Sicherheit, Werte, Leiblichkeit bzw. Gesundheit und soziale
Beziehungen. Wir wissen auch, wie problematisch es ist, wenn eine dieser
Säulen nicht mehr trägt, schlimmer noch, wenn mehrere brüchig werden. Ein
Strukturmerkmal des Professorendaseins ist die räumliche Mobilität und die
hohe Konzentration auf die Arbeit. Soziale Beziehungen und Gesundheit sind
allzu oft gefährdet.
Also geht es im Coaching um Stabilisierung, möglicherweise um einen
Einstellungswandel. Realität ist, dass dieser Teil ein wesentliches Merkmal
dieses Berufes, dem andere Vorteile gegenüberstehen. Aber wie kann man
wirklich mit Familie und Partnern befriedigend leben, ohne seine hoch
anspruchsvolle Arbeit zu vernachlässigen?
Thematisch geht es um Wahrnehmung und Aussöhnen mit diesem erlebten
Zwiespalt. Wir arbeiten im Coaching daran, wie man mit dieser Situation
besser umgehen kann:
§ z.B. dass der Arbeitsort als Wohnort nicht nur defizitär erlebt wird
§ dass der Arbeitsort einen eigenen Wert bekommt, z.B. indem man das Leben
am Arbeitsort sozial so gestalten kann, dass es nicht mehr so nach Diaspora
anfühlt
§ dass sich partiell auch die Familien in den Arbeitsort integrieren anstatt
Familienleben nur in dem ursprünglichen Wohnort stattfinden zu lassen
§ dass kollegiale Kontakte auch freundschaftlich gestaltet werden, ohne
Grenzen zu überschreiten und
§ wie man am Arbeitsort Menschen für einen vertrauensvollen Austausch findet
Am Anfang der Karriere.....
Juniorprofessoren und Professorinnen zu Beginn ihrer Karriere/ihrer
Professur laufen mit einer großen Wahrscheinlichkeit in die Falle der
Selbstüberforderung. Im Coaching geht also um Unterstützung, Stärkung und um
den Aufbau einer persönlichen Perspektive.
Ein anderes Thema in diesem Bereich ist Unsicherheit im Umgang mit der neuen
Position und Rolle. Der Coach dient hier der Bestätigung, dass eine solche
Verunsicherung angemessen und "normal" ist für die Situation, in der man so
wenig über den neuen Arbeitsplatz weiß. Vor allem, wenn man vorher noch nie
Professor war und überhaupt nicht weiß, wie ein Professor sich benimmt. Es
geht auch um Entlastung bezüglich des unrealistischen Bildes, dass man als
Professorin von Beginn an perfekt sein müsse, dass man alles wissen müsse,
wie man auftritt etc. Unsere zentrale Funktion ist hier ein zuverlässiger
und vertrauensvoller Gesprächspartner und manchmal auch Mentor zu sein zu
Themen, die im kollegialen Kontext (leider) nur schwer besprechbar sind.
Wie kommuniziere ich richtig.
Wissen um Techniken und Strategien der Kommunikation ist in der Regel keine
Einstellungsmerkmal für Professoren. Ein böser Spruch über Professoren, den
wir im Coaching dazu gehört haben, war "Bloß nicht kommunizieren!". Der
berufliche Alltag verlangt gute Kommunikation, sie ist vielfach jedoch eher
so, dass die kollegiale Zusammenarbeit erschwert wird. Professoren selbst
haben bisweilen eine fast selbstironische Haltung zu diesem Thema, wenn sie
uns beschreiben, wie viel Aufwand, Selbstkasteiung, Verzicht und Isolation
sie aufbringen mussten, um in diese Position zu gelangen.
Im Coaching kann das heißen, grundsätzliche Fragen der Kommunikation
besprechen, allerdings immer situationsbezogen, und entsprechende Strategien
für spezifische Situationen mit Kollegen, eigenen Mitarbeitern und bisweilen
auch Studenten zu entwickeln. Manchmal haben wir auch an den Grundlagen von
Kommunikation gearbeitet: Sach- und Beziehungsebene unterscheiden, Zuhören,
Verstehen und im Unterschied dazu Deuten, Kommunikationsstile und ihre
spezifischen Wirkungen etc. Manchmal hat man als Coach starke Verbündete in
den Ehe- bzw. Beziehungspartnern. Auf Nachfragen erfährt man, dass diese bei
diesem Thema ähnliche Einschätzungen vertreten, wie der Coach, so dass die
Auswirkungen des Coaching nicht auf den beruflichen Bereich beschränkt
bleiben.
aus
Christine Reinhard, Renate Kerbst, Max Dorando (Hrsg.)
Coaching und Beratung an Hochschulen
Bielefeld 2006, S. 65 - 68
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